2016 in review | Oder der Blick zurück kann sich lohnen

Anders als bisher haben die WordPress.com-Statistik-Elfen für 2016 keinen Jahresbericht für diesen Blog erstellt und damit auch keine bildhafte Statistik-Beschreibung, die Anregung für die Jahres-Statistik-Therapiegeschichte der letzten Jahre war. Ein Blick in die interne Statistik dieses Blogs ließ die gesuchte Inspiration auftauchen.

Für das 2011 wurden 255 Aufrufe registriert. In 2012 waren es fast 6.000, in 2013 beinhahe 13.000, für 2014 mehr als 16.000, in 2015 waren es annähernd 25.000 Aufrufe. Und im Jahr 2016 gab es ganze 33.777 Aufrufe.

Als ich 2011 diesen Blog einrichtete und begann, kleine Fachartikel über Gestalttherapie und Traumatherapie zu schreiben, hatte ich keine Vorstellung davon, wie der vor mir liegende Weg aussehen könnte, wohin er führen würde.
Ich folgte einem inneren Bedürfnis. Ich wollte Informationen zur Verfügung stellen für Menschen, die am Beginn eines schweren Weges stehen, die gerade dabei sind, sich auf den Weg zu machen oder schon ein paar erste Schritte auf diesem Weg gegangen sind.
Für Menschen, die Schlimmes erlebt haben und bereit sind, sich mit therapeutischer Unterstützung auf den Weg der Heilung zu machen. Und für Menschen, die psychotherapeutisch oder beraterisch Hilfesuchende auf diesem Weg begleiten.

Zum Zeitpunkt der Erstellung des Blogs wusste ich nicht, ob Menschen Interesse haben werden, Artikel zu lesen, in denen es um so „schwere Kost“ geht. Zu Beginn gab es nur die Aussicht auf einen ganzen Haufen anstrengender Arbeit ohne Garantie auf Erfolg.
Wozu sich also so viel Arbeit machen?
Der Blick zurück zeigt den Anfang dieses Blogs mit einer handvoll BesucherInnen im ersten Jahr. Ein paar Jahre später sind es insgesamt über 94,300 Aufrufe geworden.
Der Blick zurück zeigt jetzt eine Entwicklung, die zu Beginn nicht zu erahnen war und die mich nun mit Freude, Stolz und Dankbarkeit erfüllt.
Der Blick zurück hat sich gelohnt.

Der Blick zurück kann sich lohnen.
Nicht immer. Nicht, wenn es die einzige Blickrichtung ist, die möglich ist. Nicht, wenn man nicht frei entscheiden kann, in welche Richtung man schauen will. Nicht, wenn der Blick zurück nur sieht, was schmerzhaft und quälend war. Nicht, wenn durch den Blick zurück alles unverändert bleibt.

Genau das aber ist eine der Folgen von Traumatisierungen durch Gewalt, Vernächlässigung und unsicheren Bindungserfahrungen. Im Augenblick des Trauma-Ereignisses wird das Erleben dieser Situation mit allen dazugehörigen Wahrnehmungsqualitäten in Bruchstücken „eingefroren“ (Freeze & Fragment).
Die Zeit steht still.
Sofern dissoziierte (abgespaltene) Trauma-Erlebnisse weiter wie „Eiszapfen im Gehirn“ stecken bleiben, richtet sich der Blick beständig zurück auf das, was in der Trauma-Situation passiert ist.
Jede noch so winzige und im Heute tatsächlich auch absolut ungefährliche Ähnlichkeit kann an etwas „erinnern“, das irgendwie mit dem Trauma zu tun hat.
Ein Geräusch, ein Geruch, eine Geste, ein Wort, ein Ort, ein Gefühl, ein Gedanke, eine Körperempfindung kann Intrusionen und Flashbacks auslösen (triggern).
Der Eiszapfen im Gehirn „feuert“ Trauma-Inhalte in den Organismus wie ein Vulkan, der Lava spuckt. Und – zack – ist man mitten drin in der Trauma-Zeit und gefangen in einem Erleben, das sich anfühlt wie „es passiert jetzt“, auch wenn „es“ möglicherweise schon viele Jahre vorbei ist.
Der Blick starrt wie gebannt auf die Schecken der Vergangenheit als würde er von einem unsichtbaren Magneten mit ungeheurer Kraft angezogen.

Wenn im Verlauf einer Traumatherapie zunächst gelernt wird, wie man Intrusionen & Co. selbstbestimmt auf Abstand bringen kann und begonnen wird, dissoziierte Trauma-Inhalte zu integrieren und sie so dort hin zurückschickt, wo sie hin gehören, nämlich in die Vergangenheit, dann kann der Blick anfangen zu wandern.
Der Blick kann sich dann aus dem eisernen Griff der Trauma-Zeit lösen und sich in Richtung hin zur Jetzt-Zeit wenden.
Eine erste große Erleichterung kann schon sein, wenn beide Zeiten, das Früher und das Jetzt, gleichzeitig gesehen werden können und dann gespürt werden kann:
„Das sind Trauma-Bilder/-Gefühle, die da gerade auftauchen – und – jetzt ist es anders, jetzt bin ich nicht Gefahr“.

Je besser der Blick in der Jetzt-Zeit gehalten werden kann, desto eher kann von dort aus in alle Richtungen geblickt werden.
Das bedeutet, dass nicht nur die Macht der Trauma-Zeit nach und nach immer mehr gebannt werden kann. Das bedeutet auch, das Vergangenes aus einer anderen Perspektive heraus angeschaut werden kann.
Der Blick zurück kann dann Dinge entdecken, die zuvor nicht gesehen werden konnten. Man kann beginnen, Fähigkeiten zu finden, die einem nicht bewusst waren. Dazu können z.B. auch Fähigkeiten gehören, die man früher ausbilden musste, um zu überleben.
Im Licht der Jetzt-Zeit kann der Blick dann vielleicht erkennen, wofür diese Überlebensfähigkeiten im Hier und Heute auf neue und gute Weise genutzt, auf welche Weise sie bei den nächsten Schritten auf dem Weg der Heilung helfen können.
Und vielleicht kann dann schon mal der eine oder andere Blick in Richtung Zukunft riskiert werden; möglicherweise dann sogar schon mit einem überaschenden Resultat:
Es könnte sein, dass der Blick etwas entdeckt, das einem gefällt.

Trauma überleben ist eine Leistung.
Dafür braucht es viele wichtige Fähigkeiten.
Der Blick zurück kann zeigen, wie viel Mut, Kraft, Wille, Durchhaltevermögen, Kreativität und noch vieles andere mehr nötig waren, um das zu schaffen.
All das ist da.
Die ganze Zeit. Auch wenn das sehr lange Zeit nicht oder noch nicht gesehen werden kann.
All das kann genutzt werden für die Schritte, die auf dem Weg in Richtung Heilung gegangen werden müssen.

Der Blick zurück kann dann auch Innehalten sein.
Ein Moment, um auf das zu schauen, was wichtig war, was geholfen hat.
In einem solchem Moment kann Freude liegen über Zurück-Erobertes und Neu-Hinzu-Gewonnenes. Es kann ein Moment sein, in dem sich eine wohlige Ruhe ausbreitet, die Kraft gibt für den nächsten Schritt.

Der Blick zurück kann sich lohnen.
In der Geschichte „Momo“ von Michael Ende erzählt Momos Freund Beppo Straßenkehrer davon, wie man einen langen, schweren Weg gehen kann, von dem man denkt, dass man es niemals schaffen kann. Schritt für Schritt.

Auszug aus „Momo“:

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin.
Und dann ging es wieder weiter: Schritt – Atemzug – Besenstrich.
Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat.
Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte.
„Siehst du, Momo“, sagte er dann zum Beispiel, „es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.“
Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort:
„Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.“
Er dachte einige Zeit nach.
Dann sprach er weiter: „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.“
Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte:
„Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“
Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort:
„Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.“
Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: „Das ist wichtig.“
(Michael Ende)

 

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2 thoughts on “2016 in review | Oder der Blick zurück kann sich lohnen”

  1. Fällt mir gerade so ein, der Vater von mir, der Kinderschänder meiner Schwester und mir, interviewte einst Michael Ende und fand ihn großartig. Er brachte von diesem Interview ein Exemplar von Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer mit nach Hause. Dieser Roman war ein kurzer Lichtblick für mich.

    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar.
      Solch kurze Lichtblicke waren wie kleine rettende Inseln, die Überleben geholfen haben.
      Auf dem Weg der Heilung kann der Blick zurück diese kleinen „Lebensretter“ wiederentdecken und erkennen, welche überlebenswichtige Kraft in solchen Lichtblick-Momenten steckt.
      Damals wie Heute.
      Denn die Kraft zum Überleben wurde nicht von dem „gemacht“, was in dem Moment geschah, sondern etwas in einem selbst konnte aus dem Moment etwas nehmen, das die Kraft zum Überleben gab.
      Um keine Mißverständnisse entstehen zu lassen: ein Kind kann nicht überleben, wenn es nicht zumindest manchmal irgendeine Art von Lichtblick-Momenten gibt.

      Das, was überleben ließ, ist eine Kraft, die in jedem Lebewesen steckt. Je mach Erklärungsmodell kann das Lebenskraft genannt werden oder Seele oder Gehirn oder noch anders.
      Es ist eine ureigene Kraft.
      Wenn der Blick zurück die Kraft dieser Lichtblick-Momente erkennen lässt, könnte es sein, dass diese Kraft im Heute spürbar und selbstbestimmt genutzt werden kann.
      Auf dem Weg dahin kann die Vorstellung, dass es in jedem Menschen etwas Ureigenes gibt oder jedenfalls geben könnte, das eine Kraft besitzt, die auch unter den widrigsten Umständen überleben lässt, vielleicht kraftspendend, haltgebend oder tröstlich sein.
      Damals und Heute. Im eigenen Innern.