Psychotraumatologie & Traumatherapie | Geschichte

Das Erleben traumatischer Ereignisse ist so alt, wie die Menschheit.
Eine psychotherapeutische Behandlung von Traumafolgestörungen begann sich in der Neuzeit aber erst ab etwa Anfang der 1980er Jahren zu entwickeln.

Endes des 19. und des Anfangs des 20. Jahrhunderts beschrieben Joseph Breuer und Sigmund Freud erstmals die Folgen von Traumatisierungen.
Erste wissenschaftliche Untersuchungen bezogen sich vor allem auf die kognitiven und psychosomatischen Folgen nach Extrembelastungen wie schweren Eisenbahn-Unglücken („railway spine syndrome“).
Einzug in die öffentliche Diskussion fanden die Folgen von Traumatisierung zur Zeit des ersten Weltkriegs. Überlebende Soldaten zeigten überzufällig häufig Symptome, die heute als Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert würden. Die aus dem Krieg zurückkehrenden Soldaten wurden als „Kriegszitterer“ bezeichnet. Die psychopathologischen Auffälligkeiten erhielten Diagnosen wie Kampf- oder Kriegsneurose, Granatenschock, Schreckneurose oder Schütteltremor. Diese diagnostischen Beschreibungen benennen bereits die Ursache der seelischen Traumatisierungen, nämlich die im ersten Weltkrieg erstmals eingesetzten Granaten mit deren bis dahin unbekannter Sprengkraft und den daraus resultierenden schwersten Verletzungen und entsetzlichen Verstümmelung.
Stattdessen hielten Experten organische Ursachen (z.B. ins Gehirn gelangte Granatsplitter) für wahrscheinlich. Andere unterstellten den Patienten das so genannte „Kompensationssyndrom“.  Damit war die Intention gemeint, einen finanziellen Ausgleich für die erlittenen Ereignisse zu erhalten. Oder die Symptome wurden auf psychische Labilität, neurotische Konflikte oder auch Geisteskrankheiten zurückgeführt.
Nach dem  zweiten Weltkrieg erhielten Kriegsheimkehrer die Diagnose „Survival Syndrom“. Für die Überlebenden des Holocaust wurde die Diagnose „KZ – Syndrom“ geprägt. Vor allem deutsche Psychiater sahen als Ursache eine erbliche Veranlagung der ehemaligen KZ-Häftlinge.
1963 verfasste der amerikanische Psychoanalytiker Kurt Eissler den Artikel „Die Ermordung von wie vielen seiner Kinder muss ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu haben?“. Anlass für diesen Artikel war die gängige deutsche Gutachterpraxis in Rentenprozessen und bei Anträgen auf Reparationszahlungen. Als Grund für die Ablehnung von Wiedergutmachungsansprüchen für psychische Leiden der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung wurde die labile psychische Konstitution der Betroffenen angenommen.
Die massenhafte Rückkehr traumatisierter Veteranen aus dem Vietnamkrieg sorgte für eine genauere Erforschung von posttraumatischen Krankheitsbildern. In den 1970er Jahren wurden, vor allem in den USA, Übereinstimmungen der psychosozialen Folgen von Kriegserlebnissen und entsprechenden Belastungen im Zivilleben erkannt und akzeptiert.
Nicht nur Naturkatastrophen (Erdbeben, Überflutungen, Lawinen-Unglücke, Wirbelstürme, etc.) oder technische Unglücke (Eisenbahn-Unfälle, Flugzeugabstürze, Gas-Explosionen, etc.) führten bei den Überlebenden zu den gleichen psychischen Folgestörungen, sondern genauso das Erleben von menschlich verursachten schweren Unheils („man made disaster“).
Zu den „man made disaster“ zählen individuelle Gewalterfahrungen wie Überfall, Entführung, Geiselhaft, Folter, etc. und Traumata wie Vergewaltigung und sexueller Missbrauch, ganz besonders durch Personen des sozialen Nahbereichs. Für letztere entstanden neue diagnostische Bezeichnungen: „rape trauma syndrome“, „battered child syndrome“, „broken home syndrome“. Dass neben körperlicher, seelischer und sexualisierter Gewalt ebenso schwere Vernachlässigung während der Kindheit traumatisierend wirkt, wurde erst später erkannt.

1980 wurde die Diagnose Posttraumatic Stress Disorder (PTSD) in das amerikanische Diagnose-Manual DSM IV aufgenommen. Erst 1994 fand die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) als eigenständige Krankheit Eingang in die in Deutschland gebräuchliche Klassifikation psychischer Störungen ICD-10.
Durch bildgebende (CT, MRT) und andere diagnostische Verfahren, wie z.B. EEG, konnte die moderne Neuropsychologie typische traumabedingte Veränderungen im Gehirn wissenschaftlich nachweisen. Extrem-Stress-Ereignisse hinterlassen beweisbare Veränderungen der Gehirnstruktur und des Gehirnstoffwechsels mit entsprechenden psychophysiologischen Funktionsstörungen. Diese Veränderungen galten lange als irreversibel. Neuere Forschungen zeigen, dass durch adäquate Psychotherapie eine Rückbildung traumabedingter Veränderungen im Gehirn zu bewirken ist.

Opfer von über lange Zeit andauernden, wiederholten Traumatisierungen durch sexualisierte Gewalt zeigen häufig eine sehr viel komplexere Symptomatik als es bei Traumatisierungen durch einmalige oder kurz andauernde Gewalttaten oder technische Unglücke der Fall ist.
Die amerikanische Psychiaterin Judith Hermann prägte hierfür 1992 den Begriff der Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung (Komplex-Trauma, Complex PTSD), die als Diagnose bis heute nicht in Klassifikation psychischer Störungen ICD-10 aufgenommen wurde.
1992 erschien in den USA Judith Hermanns wegweisendes Buch „Die Narben der Gewalt“ über die therapeutische  Arbeit mit Opfern von sexualisierter und häuslicher Gewalt, mit traumatisierten Kriegsveteranen und Opfern von politischem Terror. 2003 erschien das Buch auch in Deutschland.

Die Entwicklung der Traumatherapie ist in Deutschland u.a. eng verknüpft mit Michaela Huber und Luise Reddemann. Michaela Huber veröffentlicht seit vielen Jahren Bücher und hält Fachvorträge zu den Themen Trauma und Traumatherapie und bietet bundesweit Traumatherapie-Fortbildungen an. Luise Reddemann hat u.a. sehr hilfreiche Achtsamkeitsübungen und Imaginationen entwickelt.
Erst in den letzten Jahren erhielt das Konzept der traumabezogenen strukturellen Dissoziation in Deutschland wieder Aufmerksamkeit in Fachkreisen, obwohl Pierre Janet bereits im Jahr 1898 seine Theorie über die psychobiologischen Reaktionen bei Traumatisierung vorstellte und einen therapeutischen Ansatz zur Behandlung von Traumafolgstörungen entwickelte. Zunächst wurde Janets Theorie von seinen Kollegen anerkannt und sein phasenorientierter Behandlungansatz fand Eingang in die allgemeine psychotherapeutische Behandlungspraxis. Mit der Ausbreitung der Psychoanalyse als gängiges Therapieverfahren wurde Janets Konzept aber verdrängt und geriet für etliche Jahrzehnte in Vergessenheit.
Dem Forschungsteam um Onno van der Hart, Ellert Nijenhuis, Kathy Steele und Suzette Boon ist es zu verdanken, dass das bis heute gültige Wissen um die traumabezogene strukturelle Dissoziation wieder zur Verfügung steht. In diversen wissenschaftlichen Studien konnte Janets Theorie belegt und weiterentwickelt werden, wodurch Traumafolgestörungen heute auf sehr spezifische Weise behandelt werden können.
Einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von frühkindlichen Traumatisierungen hat auch die Bindungsforschung geleistet. Das Konzept der traumabezogenen strukturellen Dissoziation zusammen mit der Bindungstheorie (John Bowlby) konnten zeigen, dass Vernachlässigung und unsichere Bindungsangebote der ersten Bezugspersonen massiv traumatisierend auf Kinder wirken.

Rückblick und Ausblick

TherapeutInnen begegneten in ihrer täglichen Praxis seit jeher Menschen, die an den Folgen traumatischer Erlebnisse leiden, oftmals ohne die Traumafolgestörung zu erkennen, weil weder psychotraumatologisches Wissen noch traumatherapeutische Methoden zur Behandlung vorhanden waren.
Wenngleich das Wissen um die traumabezogene strukturelle Dissoziation nur langsam den Weg von der wissenschaftlichen Forschung in psychotherapeutische Praxis findet, arbeiten zunehmend mehr TherapeutInnen auf dem aktuellen Stand der Traumatherapie und unterstützen dadurch sehr wirksam den Heilungsprozess der Betroffenen. Umso erschreckender ist es, dass Betroffene auch heute noch teilweise Jahre nach einer gut ausgebildeten TraumatherapeutIn suchen müssen.
Die intensive Arbeit von Fachleuten zu diesem Thema hat in den letzten Jahren für einen rasanten Anstieg wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse gesorgt. Das unterstützte die Weiterentwicklung effektiver Traumatherapie-Methoden sehr.
Darüber hinaus werden inzwischen auch Fragen laut, ob auch bei psychischen Störungen wie Depressionen, Schizophrenie, Somatisierungsstörungen, Persönlichkeitsstörungen, ADHS, Fibromyalgie, u.a., möglicherweise ursächliche Zusammenhänge zu frühkindlichen Traumatisierungen bestehen könnten.
Der Blick zurück zeigt das immense Fortschreiten von Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten posttraumatischer Belastungsstörungen innerhalb weniger Jahrzehnte.
Das gibt Anlass zu der begründeten Hoffnung, dass Traumatisierte zukünftig die therapeutische Hilfe bekommen werden, die sie zum Heilen brauchen.


Schreibe einen Kommentar zu Dragonfly Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Privacy Policy: Ja, ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen und bin damit einverstanden, dass meine Angaben zweckgebunden zur Beantwortung meiner Anfrage erhoben und verarbeitet werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.

6 thoughts on “Psychotraumatologie & Traumatherapie | Geschichte”

  1. Wieviel Leid. Unfassbar, wie lange es gedauert hat, bis es überhaupt Hilfe gab und wie entsetzlich, dass auch heute noch so viele so lange warten müssen.

  2. Ich schwanke zwischen Entsetzen und Empörung.
    Entsetzen darüber, wielange Opfer von Gewalt Schmerz und Verzweiflung auch heute noch ertragen müssen, ohne zeitnah einen Therapieplatz zu bekommen.
    Empörung deshalb, weil Gewaltopfern oft noch genauso Labilität oder Erschleichen finanzieller Leitungen aus Rentenkassen unterstellt wird, wie vor 100 Jahren.
    Versöhnlich stimmt mich, dass es engagierte TherapeutInnen gibt, die gegen alle Widerstände für qualifizierte und würdevolle Behandlung kämpfen.
    Das erfüllt auch mich, wie in dem Artikel treffend formuliert, mit der Hoffnung, dass zukünftig Gewaltopfer die Hilfe bekommen, die sie verdienen.